Barbarisches
Eine Erfahrung mit einer koreanischen Filmcrew

von Herman (2000)

Dies ist ein kurzer Bericht wie ich noch im Monsopiad Cultural Village Honorardirektor war und so manch interessante Erfahrungen sammeln konnte...

Wir hatten eine Koreanische Filmgesellschaft hier, und die wollten traditionelles Leben in Sabah dokumentieren. Traditionelles Leben? Sie waren im Kulturdorf (Monsopiad Cultural Village), und fanden es zu künstlich... dann sind sie in „richtige“ Dörfer gefahren, und waren enttäuscht, daß die Leute alle in Adidas Shorts rumrennen, und Cola trinken. Kam noch dazu, daß die Dorfleute „schlechte“ Schauspieler waren. Also kamen sie wieder ins Kulturdorf, und haben unser Leben hier schwer gemacht. Zum Glück haben sie auf Tapai bestanden. Viel Tapai.

Wir wußten eigentlich gar nicht so richtig, was die wollten, und wir hatten ein sehr starkes Gefühl, daß die es auch nicht so richtig wußten. Traditionelles Leben wurde immer wieder gesagt, aber der schlecht Malay und schlechter English sprechende Koreanische Übersetzer hat auch Schauspielen und Schauspieler in unsere Unterhaltung eingewoben, allerdings immer nur sehr wage. Krieger, Schlingelbengel, exotische Schönheiten, Großmütter, Priester, Häuptling. Und eine Ziege. Das wollten sie, das verstanden wir. Morgen in der Früh.

Bis auf die Schlingelbengel hatten wir alle am Morgen versammelt. Dann mußten wir dem koreanischen Regisseur erklären, daß die Schlingelbengel, Schlingel hin oder Bengel her, in diesen ach so sehr modernen, zivilisierten Zeiten des Autostaus und Leitungswasser in die Schule gehen. Das war ein Zeugs, bis die das verstanden. Zum Glück hat die Ziege freundlich in die Kamera gemeckert.

Dann mußten alle Topfpflanzen weg. Nein, bitte nicht den Garten rechen. Und die „take your shoes off“ Schilder müssen verschwinden. Toll, ich hatte das zerbrochene gerade wieder zusammengeleimt, und mit Sekundenkleber an die Wand zementiert... Die schwarzweiß Photos mußten auch weg. Abfalleimer und Aschenbecher ebenfalls, aber ich bin sicher, im Film werden die überall plastik Mineralflaschen haben. Ist ja egal.

Dann fanden wir mehr raus. Das Script. Die koreanischen Schauspieler (offenbar weltweit Koreanisch bekannt) haben sich in Borneo verirrt. Sie stoßen auf ein Dorf, und werden von den freundlichen Monsopiad Kopfjägern aufgenommen, gefüttert, „betrunken“, und schließlich auf den richtigen Weg gebracht. Dazwischen Spiele, Jagd, und, wichtig, essen und trinken.

Unsere Arbeiter wurden also wieder einmal Schauspieler, und das haben sie auch ganz toll hingekriegt. Nur beim Schlachten der Ziege wäre fast was falsch gelaufen, wie der gute Herr einfach nicht warten konnte, der Ziege den Hals durchzuschneiden. Im Ende hat ihm der gestreßte Kameramann das Messer weggenommen. Dann wurde der Ziege in Kadazan und Koreanisch ihr Schicksal vorausgesagt (gemäß Script), und erst dann wurde dem Schlächter das Messer wiedergereicht, welches frischgewetzt dann auch sofort und ohne weiteres Zögern zum Einsatz kam.

Das mit der Ziege war ja auch so was. Jagen. Wo und was? Gute Fragen werden immer zum richtigen Zeitpunkt gestellt, dann wenn eine Ziege gefragt ist. Oder so. Also in unseren Wäldern, da hat es schon mal Eichhörnchen. Aber von der weltweit unübertroffenen biologischen Vielfalt, die auch noch vor 30 Jahren hier mit über 185000 benannten Tierarten (15,7% aller Tierarten in der Welt – 286 Säugetiere, 736 Volgelarten, 268 Reptilien, 158 Amphibien, 449 Süßwasserfische, 4000 Arten von Meerfischen und noch 150000 Arten andere Wirbeltiere) vertreten war, ist hier nicht viel zu spüren. Also eine Ziege, die Vertreterin der biologischen Konzentration in Borneo, sozusagen. Dabei weiß doch jedes koreanische Kind, daß Ziegen keine wilden Tiere sind. Aber da handelt sich es sich ja eben um ein Film. Nachdem das Script umgeschriegben wurde, hieß es also nicht mehr „gefürchteten bornesischen Tieger“ jagen, sondern „seltene weiße, bornesische Flachlanddschungelziege“ erlegen.

Zum Glück, wie gesagt, hat die Ziege nett mitgespielt, immer im richtigen Moment freunlich in die Kamera gemeckert, furchtlos ins Blasrohr gekuckt, und sich dann auch noch vor drehender Kamera schlachten, braten und verspeisen lassen. Damit war es Abend, es regnete in Strömen und „mein“ Haus war plötzlich voll von Kriegern in Lendenschürzen, halb betrunkenen Dorfältesten, Borneo Schönheiten, und wackeren, unbeirrten Müttern die ohne sich zu beklagen am offenen Herd schwitzten und Delikatessen zauberten, dabei ihre Kinder hüteten, und ihre angtrunkenen Männer weiter beweinten. Die Bengels waren zu dieser Zeit auch eingetroffen, und von Schularbeit konnte ja gar nicht die Rede sein, denn jetzt wurde auf das Leben vorbereitet: eine Feier in Borneo muß gut gelernt sein, und zu diesem Zweck auch oft wiederholt werden. Das macht Meister, und in Borneo hier ist Feiern, und Gastfreundschaft eine Tradition die von Mutter auf Tochter, von Vater auf Sohn weitergegeben wird, und das hoffentlich noch für lange Generationen. Ausdauer spielt auch eine wichtige Rolle, und dabei geht ja nichts über Üben...

Schließlich war das Essen fertig, die Ziege gebraten, alle Leute angheitert. Es gab noch etwas mehr Reiswein als Aperitif, dann gebratene Farne, Huhn in Reiswein und Bambussproßen, BBQ Ziege, die Leber derselbigen als Curry, und Reis. Wie die Leute anfingen zu singen und zu den dröhneneden Gongs zu tanzen auf daß er Bambusboden sich bog, brachten die Koreaner Tetrapaks voll von Koreanischem Reiswein, welches sich als distilliertes Extrakt von Süßkartoffeln herausstellte. Koreanischer Vodka, also, ein Hammer, aber sicher, das merkten auch die Bengels.

Tja, der Morgen hat dann schließlich gegraut, und uns graute es, daß nicht alle Tage Honigschlecken ist...


 

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