Tina'uh
Eine Tahol Murut
Hochzeit

by Herman (1998)

Einleitung

Die Murut sind ein Stamm in Sabah, auf dem malaiischem Borneo. Obschon sie eine Minderheit im Vielvölkerstaat Malaisien sind, sind sie dennoch die drittgrößte ethnische Einheit in Sabah und mit 18 Untersämmen (einer davon die Tataluan), ebensovielen eigenstehenden Sprachen, und unzähligen Dialekten vertreten. Traditionel leben die Murut ein einfaches Leben im Innern des Landes, einst von gewaltigen tropischen Regenwäldern bedeckt. Als Hauptnahrungsmittel bauen sie Reis in den steilen Hüglen von Zentralsabah an. Die Murut sind auch gute Jäger, und gewandte Bootsleute. Sie fischen viel und gerne in den vielen Flüssen, die ihre Straßen sind. Ihr Leben ist von Respekt vor der Natur gekenzeichnet – die Murut haben eine uralte animistische Natur Religion – und es dreht sich vornehmlich um den Reiszyklus, und die damit verbundenen Feste, sowie die Feste, die in den Familien anfallen: Geburten und Geburtstage, Hochzeiten und Todesfälle. Die Murut waren einst als die gefürchtetsten Kopfjäger Borneos bekannt, und es waren wahrscheinlich auch die letzten hier, die diese Gebräuche aufgegeben haben. Heute sind die Murut vorallem wegen ihrer überschwenglichen Gastfreundschaft bekannt. Auch früher, wie noch Köpfe „gejagt” wurden (ein junger Mann mußte einen Feindesschädel den Eltern seiner ausgewählten Braut präsentieren), wurde Gastfreundschaft in Ehren gehalten. Man konnte, und man kann immer noch, in jedem Langhaus um einen Schlafplatz bitten, ohne je einen Abschlag zu erhalten. Da die Murut in Großfamilien leben, und manche Männer auch mehrere Frauen haben, wird ein Gast natürlich sofort von vielen naugierigen Familienmittgliedern umgeben, und es dauert nie lange bevor Essen und Trinken serviert wird. Mit etwas Glück erhält man auch Tapai – den hauseigen fermentierten Süßkartoffelwein der Murut.

Die Entwicklung des Landesinnern durch Holzschlag und Plantagen, und die Missionare, haben natürlich das Leben der Murut gewaltsam in relativ kurzer Zeit von Grund auf geändert. Was sich aber nicht geändert hat ist die spontane und herzliche Bereitschaft, einen Gast einzuladen, oder ein Fest zu feiern. Wenn man dazu noch zu einer Murut Hochzeit eingeladen ist, sollte man nie nein sagen, speziell nicht wenn es sich um eine traditionelle ‘Tina’uh, oder ‘Bului’ handelt. Diese Feste sind nun eher selten geworden, und die Gründe werden in der nachvolgenden Geschichte klar werden. Nicht nur sind Tina’uh und Bului Heidenbräuche, die von der Kirche schlecht toleriert werden. Die Feste sind auch sehr arbeitsaufwendig, zeitaufwendig, und, fast kontrovers in unserer Zeit: sehr kostspielig. So werden heute oft nur noch einfache „malaisische“ Hochzeiten arrangiert, wobei die Braut weiß tragen muß, und der Bräutigam einen schwarzen Anzug. Mich wundert nur, welchen Brauch sie da eingeführt haben...?

Tina’uh und Bului sind extrem traditionelle Angelegenheiten und müßen mit mehreren Worten beschrieben werden. Es handelt sich hier nämlich nicht um eine einfache Hochzeit, wobei Mann und Frau getraut werden, die Gäste feste feiern, und dann nach Hause gehen. Überall in Borneo muß für die Frau ein Brautpreis bezahlt werden, und bei den Murut kann der schon einmal gewaltige Dimensionen annehmen. In alten Zeiten wurde natürlich die Braut für den Jungen ausgesucht, und der Vater hat den Brautpreis (pulut) bezahlt. Der Junge hatte sich als Kopfjäger auszuweisen, und nach der Hochzeit mußte er ein Stück Urwald für seinen ersten selbstgepflanzten Reis roden. Die jungen Männer heutzutage gehen in die Stadt und arbeiten für ein mageres Gehalt in hiesigen Firmen, aber mit dem wenigen Geld haben sie doch schon die Freiheit, sich ihre Braut selber auszusuchen. Oft aber hält das Geld nicht für eine Frau hin, und viele Männer nehmen Bankdarlehnen an, um für den Brautpreis und die Hochzeitsfeier aufzukommen. Früher wurde kein Geld ausgetauscht, oder nur wenig. Im Brautpreis hatte es generel zwei enorme, antike chinesische Vasen – den Tiluan und den Biukul – mehrere kleinere Vasen (Sampa), Gongs, antike Glasperlen und Halbedesteine (Beads oder Manik), Goldringe, Elfenbein Armringe, Silberknöpfe, Tuch und Stoffe, und natürlich Büffel. Auch früher war der Brautprise so enorm, daß man den nötigen „Betrag“ oft nicht rechtzeitig erarbeiten konnte. Also hatte man die Braut auf Kredit nach Hause genommen, und manchmal wurden es zwanzig Jahre und drei Frauen später bevor der Brautpreis endgültig beglichen wurde, in einer einzigartig farbenprächtigen und sehr lange dauernden Zeremonie: der Tina’uh, oder Bului. Eigentlich könnte eine Tina’uh schon zwei Jahre nach der Hochzeit (Limpoho) abgehalten werden, aber wegen des teuren Brautpreises is das eher selten der Fall. Heute ist die Tina’uh in der Gefahr, auszusterben, ganau gleich wie viele Gebräuche die sehr Zeitaufwendig sind und sich in unserem „modernen“ Leben weniger eignen. Es ist schon so, daß immer weniger Schwiegereltern verlangen, daß die Hochzeit eine Limpoho sein muß, den dies würde automatisch später nach einer Tina’uh oder Bului verlangen. Auch die Limpoho, welche im Haus der Braut abgehalten werden muß, ist sehr arbeitsaufwendig und immer weniger Eltern haben die nötige Zeit – etwa eine Woche – um die Limpoho mit Stil zu begehen, speziell wenn sie in der Nähe einer größeren Siedlung wohnen und einer regelmäßigen Arbeit nachgehen. Denn Murut Festlichkeiten entziehen sich jeder Beschreibung mit Worten. Vorbereitungen für eine ausgewachsene Tina’uh können schon mal ein ganzes Dorf für mehr als einen Monat beanspruchen. Tief im Landesinneren, wo der Reichtum eines Mannes eher noch in Sampa und Büffeln geschätzt wird, und nicht in Fernsehern und Monatseinkommen, und wo die Leute noch dem wenig gestörten, uralten und spirituellen Lebensrhythmus folgen, mit der komplizierten sozialen Struktur der Großfamilie, ist ein einwochen-Fest natürlich fast eine Beleidigung an die Natur.

Einzig und alleine das Datum festzulegen bringt lange Disussionen mit sich, und wenn schließlich alles bedacht wurde muß der Entschluß mit etwas Vorfreudefeiern bekräftigt werden... Vieles muß bedacht werden, und am Wichtigsten ist, daß niemand vergessen wird und alle auch teilnehmen können. Generell kann gesagt werden, daß nach einem guten Jahr, in dem die Reisernten reich ausgefallen sind, Tina’uhs abgehlaten werden. 1998 war für das Landesinnere ein solch gutes Jahr, obschon an der Küste monatelang Trockenheit und Dürre herrschte, und bis zu zwei Reisernten ausfielen.


Das Datum

Es wurde erlassen, daß Makinik am 11. July 1998 seine „Brautpreisschuld“ Korom, dem Häuptling von Labang, begleichen sollte. Makinik war schon seit etwas über 20 Jahren mit Sangkina verheiratet, einer Tochter Koroms und seiner ersten Frau. Makinik hatte nie mehrere Frauen geheiratet, im Gegensatz zu seinem Schwiegervater, dem Häuptling: der hatte zur dieser Zeit schon seine vierte Frau und über 30 Kinder. Das Datum hatte Korom mit allen ‘Tuan Rumah’, den Patriarchen der enizelnen „Zimmer“ seines Langhauses, festgelegt, denn die Angelegenheit sollte ja jeden betreffen. Während der Besprechungen legen die Tuan Rumah fest, wen sie als ‘Sumaang’, Helfer für das Fest, einladen werden. Dies sind normalerweise Familienmittglieder, die sowieso zu den Festlichkeiten kommen müssen und nun noch spezielle Aufgaben erhalten. Es können aber auch Bekanntschaften sein. Wer zu einer Tina’uh offiziel eingeladen wird ist eigentlich nicht eingeladen. Es ist eher eine Ausmusterung und ein Marschbefehl, und die Ankunft aller „Gäste“ ist eher einer Mobilmachung zu vergleichen, und äußerst eindrücklich. Wer eingeladen wird, weiß auch, daß dies nicht eine billige Angelegenheit werden wird. Schon die Reise zurück in das oft sehr abgelegene Dorf ist kostspielig, und kann zwei Tage dauern. Dann müßen die Sachen, die in den Datumsverhandlungen festgelegt wurden, mitgebracht werden, und das kann von Geld über Goldschmuck zu Büffeln gehen, neben den traditionel vorgeschriebenen Gongs und Glasperlen. Was verlangt wird ist niedergeschrieben und mit einem aufwendig geflochtenen ‘Buyuung’, einem Rattankorb, verschickt. Der Buyuung, an dem eine gute Flechtering zwei bis drei Tage arbeitet, ist Zeugnis von Traditionen, die noch viel älter sind, und von Zeiten, in welchen Schrift unbekannt war. Die Muster, die Qualität der Arbeit und des Rohmaterials waren und sind auch heute noch sehr wichtig, und wer einen Buyuung erhält wird ihn sehr genau untersuchen um rauszufinden, wie reich die Festlichkeiten ausfallen werden. Die Körbe werden durch einen Pöstler, dem ‘Angkaunan’, verschickt. Der wird den Geladenen auch noch mitteilen, ob sie ‘buka tapai’ müssen, und wieviel der Preis ist. Es ist Brauch, daß derjenige, der den Tapai sozusagen „ansticht“ (buka tapai) dem Besitzers des Sampa, in dem der Tapai fermentiert wurde, einen bestimmten Betrag in Geld gibt. Außerdem hängen über den Tapaitöpfen Glasperlen, Früchte, Zigaretten und eingemachtes Fleisch, und das Kaufen dieser Ware ist nach strengem Brauch und alten Regeln festgesetzt. Die eingeladenen Gäste sind somit nicht ganz freiwillige Käufer, und das Geld, welches so hergegeben werden muß, wird ‘Pamarahan’ genannt.


Vorbereitungen

Wie schließlich alle eingeladen sind, und alle zugestimmt haben – sollte jemand am vorgeschlagenen Datum verhindert sein müßte ein neues ausgesucht werden – fangen die Tuan Rumah mit den Vorbereitungen für die Festlichkeiten an. Dies ist normalerweise etwa zwei Monate vor dem eigentlichen Fest. Die hochgeschätzten alten chinesischen Tiluan und Binukul, viele davon aus der Ming Dynastie, werden mit gekochten Süßkartoffeln und Hefe gefüllt, und zum Fermentieren weggestellt. Einige dieser Vasen sind so groß, daß es einen Zentner Kartoffeln braucht um sie zu füllen. Dann werden natürlich auch noch zahlreiche kleinere Steinguttöpfe mit Tapai vorbereitet. Diese werden ‘Pemahamis’ genannt, Reservetöpfe sozusagen, und werden später die großen Tiluan und Binukul, die zuerst leergetrunken werden, ersetzen. Die Männer müßen auch jagen gehen, denn es muß viel Fleisch und Fisch eingelegt werden (Tamba no Assi / Papait), welches später entweder zum Trinken serviert wird, oder gemäß Brauch verkauft wird. Während die Männer Tapai machen und jagen tragen die Frauen Erbgut für die Zurschaustellung zusammen: Halbedelsteine, antike Muschelschalen-Hüftgürtel, antike Stoffe und Kleider, Gürtel aus spanischen Silbergallonen und silber Straits Dollars, Goldknöpfe und noch vieles mehr. Sie sind auch sehr damit beschäftigt, Manik aufzuketten, und Körbe zu flechten. All dies gibt einem sonst eher ruhigen Murutdorf eine sehr hecktische Note, und jeder, alt und jung, ist beschäftigt. Dann kommt noch dazu, daß wegen der vielen geladenen Gäste das Haus vergrößert werden muß, oder wen das Haus groß genug ist, so muß doch wenigstens die Küche erweitert werden. Im Fall von Makiniks Tina’uh, welche in Koroms siebentürigen Langhaus abgehalten wurde, haben einige der früh angekommenen Familienmittglieder sich ein ganzes, aber temporäres, Haus vor dem Haupteingang gebaut, komplett mit traditionellem Palmdach, denn modernere Materialien hätten nur Geld gekostet...

Für eine Tina’uh müßen zwei ‘Sangiang’ errichtet werden, zeremonielle Holzgerüste. Der eine ist beim Haupteingang des Langhauses, der andere in der gemeinen Gallerie im Haus selber. Ein Murut Langhaus hat normalerweise einen Sangiang in der Halle (dort wird Tapai getrunken...), aber für die Tina’uh muß der hoch dekoriert werden. Der Sangiang vor dem Haus ist eine interessante Plattform, die nur einen Zweck hat (neben dem Vorzeigen, daß bald eine enorme Festlichkeit beginnt): sie ist hier um den Brautpreis zur Schau zu stellen, denn es wollen ja alle wissen und sehen wie reich der Makinik ist, und wie viel wert seine Frau ist. Der Reichtum eines Murut wird im Landesinneren auch heute noch dabei beurteilt, wieviele antike chinesische Vasen und Gongs er besitzt, und vieviel Erbgut er zusammenbringen kann. Natürlich, in alten Zeiten wurden die Schädel der Feinde auch auf diesem Sangiang präsentiert. Heutzutage trifft man jedoch eher einen brandneuen Fernseher auf dem Sangiang an als einen frischen, blutigen Schädel. Hat man mir gesagt.

Interessanterweise besteht die Hauptdekoration des Sangiang aus langen, weißen Holzstecken, die mit vorsichtig gehobelten Spänen (Ingkuhun) bedeckt sind, eine Art der Dekoration wie man sie über ganz Borneo findet.

Ich wurde als nicht-Murut zu Makiniks Tina’uh eingeladen, und somit hielten sich meine Ausgaben in Grenzen. Ich habe nur zwei Dutzend Hühner auf dem Markt in Keningau gekauft. Aber alle anderen, die mich begleiteten, stönten über die Ausgaben, und wie schwierig es doch sei, den Murut anzugehören. Natürlich finden alle jungen Männer den Preis für ein Murut Mädchen zu hoch – ach, wie gut die alten Zeiten doch waren, wo noch der Vater mit dem Brautpreis aufkam... Die sogenannten Malaienhochzeiten haben die Ausgaben für das Hochzeitsfest, und generell das Heiraten zwar etwas billiger gemacht, aber oft scheint das die Männer auch nicht so ganz zu befriedigen, denn entgültig heißt das auch: weniger festen. Die Medallie hat halt zwei Seiten. Im Ende jedoch haben die uralten Gebräuche, die das Leben der Murut regelten, und zum Teil noch immer tun, die Geladenen mit einer kaum verheimlichten Vorfreude in Anbetracht der aufkommenden Tina’uh gelassen. Schließlich galt es ja nicht nur einer außerordentlich ausladenden Feier beizuwohnen. Auch ich ließ mich von den Vorfreuden anstecken und war noch bevor wir auf dem Weg nach Labang waren ganz fiebrig und aufegregt.

Es war nicht das erste Mal, daß ich in Labang, einem Außenposten von Zivilisation war. Aber wie ich diesesmal im Dorf ankam, war ich doch sehr erstaunt. Die Vorbereitungen für die Tina’uh waren in vollem Gange. Es war fast, als würde man Ameisen bobachten, überall war alles in hecktischer aber offenbar koordinierter Bewegung. Einige der Häuser hatten Brücken, die sie mit dem Langhaus von Korom verbanden. Dann war da der Sangiang vor Koroms Haus, unübersehbar und feierlich, laut die Tina’uh verkündend. Männer waren am Nageln, Sägen, Hacken, und Hobeln. Ich wurde sehr herzlich, jedoch ungewöhnlich schnell und unzeremoniell willkommen geheißen, und dann mir selbst überlassen. Jeder hatte eine Arbeit, sogar die Kinder: Holz in den Küchen stapeln, Wasser bereitstellen, Bootschaften austragen, und auf die noch Jüngeren aufpassen, denn die Mütter waren alle am Hühner rupfen, oder am Kochen. Einige der älteren Kinder waren dabei, hölzerne Säbel zu schnitzen und anzumalen. Gemäß Tradition würden die dann auf dem Sangaing aufgehängt, und später den Kindern zum Spielen gegeben. Kopfjägerspiele?

Ich war schon zu manch einer Murut Fete, und der Anblick von langen Reihen von chinesischen Vasen gefüllt mit Tapai erstaunt ich kaum noch. Trotzdem, wie ich in das Haus von Korom trat erwartete mich eine Überraschung: die sieben Tuan Rumah aus Koroms Langhaus hatten nicht weniger als 29 enorme, antike chinesische Tiluan und Binukul in einem atemberaubend schönen Arrangement am Sangiang zur Schau gestellt. Natürlich waren all die Vasen zum überlaufen voll von Tapai, und sie waren so groß, daß man nur im Stehen davon trinken konnte. Ich rechnete mir aus, daß man von jeder dieser Vasen mindestens zwei Tage nonstop trinken könnte – zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß noch mindestens 200 Pemahamis in den Räumen warteten. Die kostbaren Vasen um den Sangiang waren aus traditionellen und aus Sicherheitsgründen von einem bunt gestrichenen, hölzernen Haag umgeben. Korom selbst hatte fünf Tajau beigesteuert, die von ebensovielen seiner geladenen Gäste angestochen werden würden, und die ihm dafür Pamarahan bezahlen werden müssen. Dafür stellt aber Korom nicht nur Tapai zur Verfügung, sondern auch Tamba (eingemachtes Fleisch und Fisch), Buyuung für ‘Akilimpor’, den Verkauf der Körbe am Ende der Zeremonien, und den vielgeschätzten und gesuchten Kampung Reis.

Ich war nicht gerade eine Hilfe bei diesen Vorbereitungen, also hielt ich mich still in einer Ecke, machte einige Photos, und schrieb meine Notizen. Wie die eingeladenen Gäste immer mehr wurden bog sich der Sangiang vor dem Haus unter der Last der Steingut Vasen und Gongs. Immer wenn ein Boot einlief wurde seine Ankunft schon von Weitem mit feierlichen Gongschlägen zelebriert. Alle Boote waren natürlich bis zum es geht nicht mehr gefüllt. Zuerst sprangen immer die Hunde an Land, dann kamen die Männer und legten das Boot an. Als nächstes wurden Kleinkinder an Land gereicht, gefolgt von Müttern, Tapaitöpfen, Gongs, Hühnern und Gepäck. Großmütter und Großväter, anfänglichs nicht immer sichtbar hinter und unter all der Ladung, kamen am Schluß und kletterten langsam, aber ebenso voller Vorfreude die steile Uferbank von Labang hoch. Diejenigen, die in alten Landrovers über Land ankamen – Labang kann mittels einer Dreckpiste (mehr Dreck als Piste) erreicht werden – machten ihre Ankunft ganauso wie die Boote vernehmlich: mit lauten und feierlichen Gongschlägen.

Das Fest

Die Ankunft der Gäste zog sich über drei Tage hin, und alle nahmen temporär Quartier im Dewan, der „Gemeindehalle“ von Labang. Die Sumaang aus Koroms Langhaus servierten den Gästen die Mahlzeiten, und auf dem Balkon des Dewan wurde in eitler Vorfreude eine kleine Trinkparty veranstaltet. Wie die Sonne am dritten Tag hinter den Hügeln von Labang unterging kamen die letzten Gäste an, und plötzlich waren alle in traditioneller Kleidung. Die Frauen trugen ihre schwarzen, zeremoniellen langen Röcke, und armlose Blusen, die beide mit tausenden von Beads verziert, und auf den Köpfen hatten sie antike Diadems aus Halbedelsteinen. Die Männer trugen ebenfalls bunt bestickte Hemden, aber anstelle des traditionellen Avu’, des Lendentuches, trugen sie schwarze Hosen. Irgendwelche Missionare fanden Hosen dezenter als das Avu’. Wir warteten gespannt auf Korom, der die Tina’uh eröffnen mußte. Er zog einen Haiang, einen langen und scharfen Kofpjagersäbel, mit welchem er an der Treppe zum Sangiang einen Bambusköcher mit gesegnetem Wasser aufschnitt. Dann sprach er ein paar magische Worte und animistische Gebete und überreichte den Säbel dem Vater von Makinik. Der tat es Korom gleich, und in seiner kurzen Ansprache erinnerte uns, wie wichtig es sei, die uralten Traditionen, Sitten und Gebräuche der lang verstorbenen Vorfahren in Ehren zu halten. Erst nach dieser einfachen aber eindrücklichen Öffnungszeremonie durften wir alle auf den Sangiang um den Brautpreis näher anzuschauen. Makinik und Sangkina saßen auf einem Thron, von welchem sie die guten Wünsche der Gäste entgegen nahmen. Endlich gab es den ersten Tapai, aber für diese spezielle Angelegenheit machen die Murut ein spezielles Gebräu: ‘Linahas’, ein süßliches, nicht sehr starkes Getränk aus Reis, anstelle von Cassava. Jeder, der die Treppe hochkam, am Brautpaar vorbei ging und sich über eine Brücke in das Langhaus machte, mußte ein Glas voll trinken. Gongs wurden aufgenommen und plötzlich hatte auch ich, trotzt Protest, einen schweren Gong von der Schulter. Mache dir keine Sorgen, wurde mir ins Ohr über den chaotischen Lärm geschrieen, hau einfach auf den Gong und folge uns. Also tat ich, wie geheißen und stimmte in die Kakaphonie ein. Es ging ja nicht darum, harmonisch zu sein, sondern alle bösen Geister verzuhalten, und ich tat mein Bestes. Sieben Male mußten wir um den Brautpreis auf dem Sangiang gehen. Dann ging es über die Brücke ins Langhaus, wo der zweite Sangiang hinter Stoff komplett versteckt war. Auch hier mußten wir sieben Male um das Gerüst, und weil es recht lange war dauerte die Prozession mindestens zehn Minuten. Der Lärm der Gongs war unbeschreiblich, und meine Ohren saußten noch lange danach. Auch ich, wäre ich ein Geist gewesen, wäre geflohen. Während was für mich absolutes Chaos war begann ‘Antalan’, das Hereinbringen der Pulut in das Haus. Nun durften die Familien, die sich alle schon einquartiert hatten, den Brautpreis nocheinmal genau unter die Lupe nehmen, und viele Diskussionen entstanden. Plötzlich verstummten all die Gongs. Erwartung war hoch und faßbar. Im warmen Licht der Kerosinlampen sah ich die Gesichter von Jung und Alt mit scheinenden Augen auf den Sangiang gerichtet. Schließlich wurde das Tuch langsam vom Gerüst gewickelt, ein lang erwateter und magischer Moment, die Stille im Haus war absolut. Ich fühlte mich plötzlich wieder wie der kleine Junge, der ich war, als wir an Weihnachten vor der Türe warteten, den kerzenbeleuchteten Christbaum zu erblicken. Die Atmosphäre war so voller Erwartung und Hoffnung, man konnte sie förmlich greiffen. Alsbald der Sangiang in seiner vollen Pracht dastand fingen alle an, lautstark zu reden. Die Dekoration wurde geschätzt und beurteilt, und für das Ansehen und den Ruf des Hauses ist dies ein entscheidender Moment. Es darf kein Fehler in der Aufmachung sein. Sollte etwas nicht stimmen müßten die Tuan Rumah den Gästen heftige Bußen bezahlen. Aber alles schien perfekt mit den zeitlosen Gebräuchen übereinzustimmen, und die Gäste machten sich daran, den Tapai anzustechen. Es war wie das Kommando, die Päcken unter dem Christbaum zu verteilen und zu öffnen. Jeder fand den Topf, den er anstechen mußte, zählte die Stoffe und Eier, die über der Öffnung lagen und den schon zuvor vereinbarten Pamarahan festlegten, bezahlte, und fing an zu trinken. Offenbar war auch hier alles in Ordnung, denn es ging alles glatt über die Bühne ohne ein lautes Wort.

Die nächsten paar Tage verloren sich in einem fröhlichen Fest, in solch Glückseeligkeit und Sorglosigkeit, daß es ein Sonderrecht und eine Ehre war, dies zu erfahren. In der modernen und hecktischen Arbeitswelt, zu einer Verbrauchergesellschaft getrieben, und in unsere Pläne und Stunden und Minuten gezwungen bleibt uns nicht einmal an Weihnachten genug Raum richtig zu leben. Hier schien das Leben perfekt. Wir tranken, aßen, schliefen und tranken wieder. Tagsüber spielten wir wie kleine Kinder im Wasser, padelten den Fluß hoch und runter, machten Späße und Balgten uns. Die Zeit schien einzig und alleine für das Fest sich anzuhalten. Auch diejenigen, die am härtesten für die Tina’uh gearbeitet hatten, und die, die noch immer arbeiten mußten, fanden Zeit zum Feiern, und um sich für den unglaublichen Erfolg der Tina’uh zu belohnen. Die Frauen verloren sich in langen Besprechungen, und diskutierten die Aufmachung der ‘Bobok’, lange Kämme von denen bunte Manik hingen. Die Bobok würden die zu schlachtenden Büffel bestimmen, und es wurde fast tagtäglich vor dem Haus ein Tier ausgenommen. Hühner folgten sich auch in sehr schneller Reihe in den Suppentopf, und die Sumaang servierten tagein und tagaus heiße Suppe und eingemachtes Fleisch den Trinkern.

Zu Essenszeiten wurden Berge von Speisen von einem Ende zum anderen des Langhauses ausgbreitet, und dann den einzelnen Familien verteilt. Während den kurzen Nächten schliefen die Leute kreuz und quer, mehr oder weniger nach Famile geordnet, aber man mußte jederzeit aufpassen, nicht auf Leute oder Essen zu stehen wollte man durch das Haus gehen.

Das Fest dauerte nur fünf Tage und vier Nächte. Aber wie sich die Teilnehmer auf den langen Weg nach Hause machten, wurden sie reich für ihr Kommen belohnt. Säcke voll von dem begehrtem Murut Trockenreis gingen nach Keningau, oder sogar nach Kota Kinabalu, zusammen mit eingemachtem Wildschweinfleisch und Katzenfisch. Dies sind Dinge, die die Murut überall begehren, und über alles schätzen, aber wer in der Stadt lebt hat wenig Möglichkeit unter normalen Umständen zu Murut Reis zu kommen, geschweige von Eingemachtem. Außerdem werden kompliziert geflochtene Buyuung gehandelt, und andere traditionelle Waren, die in der nächsten Zeremonie wieder zu Gebrauch kommen. Ohne diese traditionellen Güter ist ein Murut, auch wenn er viel Geld hat, erst richtig arm. In einer Zeit des Wandels haben die traditionellen Fest der Murut also durchaus noch ihre Rechte, zu bestehen.


 

Wörterverzeichnis

Einige Murut Begriffe aus dem Text, und andere, die der Heirat angehören:

In westlichen Gesellschaften gibt es die Verrlobung – die langsam am aussterben ist – und die Hochzeit. Verglichen mit den Murut gehen wir sehr spärlich mit Formalitäten um:

Pinanamung „Verlobung“. Der Brautpreis wird im Haus des Vaters des zukünftigen Bräutigams festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt werden 10 oder mehr Sarong Tücher ausgetauscht, RM 100, einige Manik und etwas Gold Schmuck. Die erfolgreich verlaufenen Verhandlungen werden mit Tapaitrinken begonnen, dauern aber selten mehr als sieben Tage und es sind nur die Eltern mit Kinder (wenn verheiratet mit Frauen und Männern) des zukünftigen Brautpaares anwesend.

Ahuod ra ruandu „Das Mädchen (ruandu) zieht in das Haus der Schwiegereltern“. Gleich nach den erfolgreichen Brautpreis Verhandlungen.

Amaruli ra baya Eine Woche nach ‘ahuod ra ruandu’ wird der junge Mann ‘kaunsapan’ und ‘haunsapan’, erste Bezahlungen (baya), den Schwiegereltern zukommen lassen.

Kaunsapan / Haunsapan Erste Bezahlungen, normalerweise ein Kochtopf und ein Wok, und ein antiker Tajau. Normalerweise eine Woche nach ‘ahuod ra ruandu’. Sehr oft ist das Mädchen nun schwanger. Sollte das nicht der Fall sein, kann sie immer noch zurückgegeben werden...

Limpoho „Hochzeit“. Einige Monate nach pinanamung. Der Brautpreis wird überreicht: Binukul und Tiluan, kleinere Tajaus, Gongs, Manik und Stoffe, und alles was die Schwiegereltern noch so verlangen, und heutzutage können das Bargeld sein, ein Generator, Fernseher, u.s.w.... Diese Zeremonie dauert im Allgemeinen nicht länger als sieben Tage. Die Eltern der Braut müssen einen Büffel schlachten. Sollten das Paar nach der Limpoho sich scheiden verliert der Mann seinen Brautpreis.

Tina’uh / Bului „Letzte Bezahlung“. Der letzte Betrag wird beglichen, und das kann bis 20 Jahre nach der Limpohozeremonie geschehen.

Other Murut terms used in the article:

Pulut dowry, bride price
Antalang take the dowry into the house
Akilimpor sell elaborate rattan baskets (day 3)
Pamarahan money paid for the goods suspended from the sangiang
Sumaang a relative who is to give a hand to a tuan rumah (he or she is later being paid with a small jar, cloth, etc)
Sampa ordinary jar
Tiluan ‘dragon jar’, old and valuable – must be amongst the dowry
Binukul large heirloom jar – must be amongst the dowry
Pemahamis ‘spare-jar’ containing fermented cassava pulp. These jars are brought forth when the big tajau are ‘tawar’ – without any taste any more
Tapai alcoholic drink made from fermented cassava root
Linahas alcoholic drink made from fermented glutinous rice
Tamba no assi pickled meat of wild boar
Tamba no papait pickled fish – both pickles must be served with tapai
Bobok long comb (ca 3 feet) with equally long strings of beads – one set consists of four combs. It is assembled by the diverse close families and relatives of the groom, and one full set determines one buffalo that has to be provided by the family of the bride. The buffalo will be slaughtered and eaten by the congregation
Susukur / Sisitan smaller bobok for limpoho, also used during the tina'uh during the buka tapai ceremony

Note by the author (2006): over the years I have been to many tina'uh, the reader will have guessed so... the above was my first experience, and I have neither edited nor corrected the article even though I have now a much better understanding of the procedures that mark the different stages of a tina'uh. Over the past five years there have also been quite a bit of changes - nothing that would really alter traditions, but the Murut have, ingeniously, streamline the procedures!

A decade ago tina'uh's became less frequent because of their elaborate nature and costs involved, and also due to missionary influence. However, over the past five years I have observed the emergence of a certain culture awareness amongst most ethnic entities in Sabah, the Murut not excluded. And being at heart a "party people" there are now again more limpohos - traditional weddings - that will eventually culminate in a tina'uh even though the work is still massive and costs only go up. However, the Tahol Murut heartland is now much easier accessible by road; the younger generation is thinking more maturely and has brought in a couple of new ideas that make such parties a bit easier on everybody. Thus, the buka tapai ceremony is not a long haggling any more, but a pre-arranged price (normally RM 200-250) is paid for each jar. If you are invited to a tina'uh and you know you have to buka tapai you need not be afraid of what uncertainties await you. The price has been fixed. You can also take along susukur and sisitan made from easily available and not very expensive plastic beads, easily strung and not as difficult to work with as glass beads. The purist will not agree with these modern variations, but they do add colour (and that is what it is all about), make the life of invitees easier and arguably help that the intricate nature of the tina'uh is passed on. Having fixed prices does not mean the ceremony is less sophisticated. The procedures that have been in place and that have been rather rigid for many generations still apply, but with a little less financial worries. We have to accept such changes and if they ultimately contribute to the conservation of cultural aspects so much the better!

Tina'uh's also used to be hygienic nightmares, something that has completely changed!
 

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